Toller Artikel in der FAZ über Islay-Whiskys

Alles was halt sonst nirgends reinpasst passt hier rein

Toller Artikel in der FAZ über Islay-Whiskys

Beitragvon islayfan » Mo 23. Aug 2010, 16:52

Das ist wirklich ein spannender Artikel über die Whisky-Hochburg Islay, der hier in der FAZ erschienen ist. Die Macher hinter Kilchoman und Bruichladdich werden sehr ausführlich beschrieben und zitiert >klick<

Und weil das Internet ja nicht besonders langlebig ist, kopiere ich hier den gesamten Artikel auch noch ein, um ihn der Nachwelt zu erhalten. Ich hoffe, die FAZ und ihr Autor Marcus Theurer mögen mir das erlauben:

Aufschwung in Schottlands Brennereien
Der Whisky-Kult

Die Globalisierung hat schottischen Whisky zum Exportschlager gemacht. Die karge Insel Islay ist ein Standort, der selbst schon eine Marke ist. Die Sammler reisen in Scharen an, um dort die Brennereien zu sehen und Whisky zu kaufen. Die Preise werden im Internet von Spekulanten in die Höhe getrieben.
Von Marcus Theurer

Was Anthony Wills vorhatte, konnte eigentlich nicht gutgehen. „Es ist verrückt, eine Whiskydestillerie aufmachen zu wollen“, sagt der Mann, der genau das getan hat. Das Problem dabei ist, dass zwischen dem ersten erzeugten Tropfen und dem ersten Umsatz Jahre liegen - mindestens drei, oft zehn und manchmal noch mehr, denn so lange muss der Alkohol im Eichenfass reifen. Während dieser Durststrecke läuft zwar die Produktion, aber nicht das Geschäft und am Ende entsteht eine neue Whiskysorte, von der vorher niemand so genau weiß, wie sie schmeckt.

Andererseits: Wenn das Wagnis überhaupt irgendwo Erfolg versprach, dann hier, wo es Anthony Wills versucht hat, auf diesem Fleckchen Erde im Nordatlantik, 30 Kilometer vor der schottischen Westküste. Auf Islay. 3500 Menschen leben auf dem regendurchweichten Eiland, das man mit dem Auto in 40 Minuten durchqueren kann. Vom schottischen Festland aus dauert die Überfahrt mit der Fähre gut zweieinhalb Stunde oder man fliegt mit der Propellermaschine von Glasgow herüber.

Die flache, vom Westwind zerzauste Hebrideninsel, vor deren Küsten Hunderte von Schiffswracks liegen, ist in der Welt des Whiskys das, was das Bordelais für den Rotwein ist - ein Produktionsstandort, der selbst schon eine Marke ist. Der Islay-Whisky ist berühmt für seinen rauchigen Geschmack, denn die verwendete Gerste wird über Torffeuern gemälzt.

Islay ist der heilige Gral der Whisky-welt und zugleich ein Mikrokosmos dieser Industrie. Acht Brennereien gibt es auf der Insel, darunter einige der legendärsten, wie Lagavulin, Ardbeg und Laphroaig. Getränkeriesen aus der ganzen Welt haben sich eingekauft: Die Bowmore-Destillerie gehört Suntory aus Japan und Laphroaig zu Fortune Brands aus den Vereinigten Staaten. Ardbeg ist Teil des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH. Zugleich gibt es auf Islay aber auch knorrige Mittelständler und wagemutige Gründer.

Anthony Wills hat seinen Whisky Kilchoman genannt, nach dem gälischen Namen des Bauernhofs im Westen von Islay, auf dem er gebrannt wird. Wills ist eher von der wortkargen Sorte, und er muss wohl einen ziemlichen Dickkopf haben. Vier Jahre brauchte der frühere Wein- und Spirituosenhändler, bevor er 2005 endlich die 2 Millionen Pfund Startkapital von wagemutigen Privatinvestoren für den Bau seiner Brennerei zusammen hatte. Am Ende benötigte er fast doppelt so viel Geld.

5400 Pfund für die erste Flasche Kilchoman
Es war am 28. Mai 2009, als Wills klar- wurde, dass er doch nicht verrückt war. 5400 Pfund - das war der Preis, den ein Sammler bei einer Auktion für die erste Flasche Kilchoman-Whisky zahlte. Inzwischen ist Kilchoman fester Teil des Reiseplans vieler Whiskyverehrer, die Jahr für Jahr scharenweise aus der ganzen Welt nach Islay pilgern. In der kleinen Brennerei gibt es nur 8 Mitarbeiter, aber mehr als 15 000 Besucher im Jahr kommen über schmale Feldwege auch auf die entlegene Farm gefahren, um die weit und breit nur die Getreidefelder wogen.

Der Whisky vom Bauernhof ist zurzeit eines der heißesten Spekulationsobjekte in der Spirituosenwelt und bei Sammlern extrem begehrt. Bisher wurden nur 50 000 Flaschen abgefüllt. Diese Knappheit treibt die Preise nach oben: 45,50 Pfund verlangt Wills für eine Flasche, bei Ebay werden sie teilweise für das vierfache angeboten. „Es ist lächerlich, welche Beträge manche Leute bezahlen“, findet der Whiskybrenner und will selbst seine Preise nicht erhöhen: „Wir denken langfristig und sind nicht auf Spekulationsgewinne aus.“ Die Zockerei mit seinem Whisky ärgert Wills.

Whisky ist kein Altherrengetränk mehr
Das Wirtschaftswunder auf der Kilchoman-Farm ist nur ein winziger Ausschnitt eines gewaltigen Aufschwungs. Er spielt sich ab auf Islay und im dünn besiedelten schottischen Hochland, in den Lowlands von Glasgow und im Nordosten in Speyside. Die Welt will immer mehr Whisky trinken, und 40 Prozent der globalen Erzeugung stammen aus Schottland, wo heute noch 107 Destillerien in Betrieb sind. In den vergangenen zehn Jahren haben sie ihre Produktion um rund die Hälfte gesteigert. Vor allem Schwellenländer wie Brasilien haben einen gewaltigen Nachfragesog geschaffen. Aber auch in Europa ist Whisky kein Altherrengetränk mehr. In Deutschland sind Käufer zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig inzwischen die mit Abstand wichtigste Kundengruppe. Für Schottland ist der Whisky nach dem Nordseeöl das wichtigste Exportgut.

Auf Islay bleibt vom großen Geschäft nicht viel hängen. Die schnurgerade Landstraße zwischen dem kleinen Fährhafen in Port Ellen und Bowmore, dem Hauptort der Insel, ist so holprig, dass die Stoßdämpfer ächzen, und in den ärmlichen Dörfchen riecht es nach Rauch, weil noch immer viele hier mit selbstgestochenem Torf heizen. Dabei schwimmt Islay eigentlich ganz oben mit auf der globalen Whiskywelle. Die meisten Destillerien hier produzieren vor allem die teuren Single Malts, die früher eine eher obskure Spezialität für Liebhaber waren, aber längst zum Modegetränk geworden sind und auf jedem Flughafen im Duty-Free-Laden angeboten werden. Während sogenannte Blended Whiskys wie etwa Johnnie Walker aus mehreren Sorten gemischt werden, stammen Single Malts aus einer einzelnen Brennerei. Im Handel kosten viele Marken mindestens 35 Euro die Flasche.

Gebrannt wird sogar am Wochenende
Billy Stitchell sitzt in seinem Büro ganz im Osten von Islay und das prachtvolle Panorama das man von hier übers Wasser auf die kahlen Berge der wilden und fast unbesiedelten Nachbarinsel Jura hat, beachtet er kaum. Stitchell kennt diesen Blick schon zu lange. Der Werksleiter der Brennerei von Caol Ila hat hier vor 36 Jahren als Hilfsarbeiter angefangen. Außerdem hat der 55 Jahre alte Schotte wichtigeres zu tun als aus dem Fenster zu schauen. Der Scotch-Boom kostet ihn demnächst sogar seine freien Wochenenden.

Von September an ist die Destillerie auch samstags und sonntags in Betrieb. Der britische Spirituosenriese Diageo, dem neben vielen anderen schottischen Brennereien auch Caol Ila gehört, braucht dringend mehr Islay-Whisky. Fast die gesamte Produktion von Caol Ila geht in die Herstellung von Johnnie Walker und anderen Blends, die aus dutzenden von Sorten gemixt werden. Die geschmacksintensiven Islay-Whiskys geben den in gewaltigen Mengen produzierten Blend-Marken, die noch immer den größten Teil des Scotch-Geschäfts ausmachen, mehr Charakter.

Der Ausstoß von Caol Ila wird um mehr als ein Drittel auf 5,5 Millionen Liter im Jahr wachsen. Aus Stitchells riesigem Kupferkessel fließt dann in einer Woche mehr Alkohol als bei Kilchoman in einem ganzen Jahr. Längst ist hier und bei anderen Destillerien auf der Insel der Platz für die jahrelange Fassreifung ausgegangen. „Wenn der ganze Whisky, der auf Islay gebrannt wird, auch hier gelagert würde, dann müssten wir die halbe Insel mit Lagerhäusern zubauen“, sagt Stitchell. Sein Whisky wird deshalb direkt nach der Destillation im Tankwagen zur Fähre gebracht und reift auf dem Festland.

Die jüngste Rezession kennt die Industrie nur aus der Zeitung
Der Werksleiter von Caol Ila stammt aus einer Familie, die seit vier Generationen für die verschiedenen Destillerien auf der Insel arbeitet. Und trotz fast vier Jahrzehnten Berufserfahrung - einen solchen Aufschwung wie heute hat Stitchell noch nie erlebt. Die schwere Rezession, die in den vergangenen beiden Jahren die Weltwirtschaft erbeben ließ, kennt er nur aus der Zeitung: „Davon haben wir hier überhaupt nichts mitbekommen.“ In den vergangenen 25 Jahren ging es für die Whiskyindustrie fast immer nur aufwärts.

Dass es auch einmal schlechtere Zeiten gab, daran erinnern sich heute nur noch Branchenveteranen wie Stitchell. Es war Anfang der achtziger Jahre und nach drei goldenen Jahrzehnten stürmischen Wachstums hatten die Destillerien im ganzen Land riesige zusätzliche Produktionskapazitäten aufgebaut. Dann kam der Nachfrageknick. Vom „Whisky Loch“ (Whisky-See) war damals in Schottland die Rede und binnen weniger Jahre schrumpfte die Produktion um fast die Hälfte. Jede dritte Brennerei in Schottland schloss, darunter auch die Destillerie von Port Ellen auf Islay. Andere Brennereien auf der Insel wie Ardbeg und Bruichladdich wurden jahrelang stillgelegt. Es fehlte nicht viel und die Whiskyproduktion auf Islay wäre großteils Geschichte gewesen.

Asien und Südamerika sollen noch mehr Wachstum bringen
Und wie lange wird der heutige Aufschwung noch tragen? Die Lagerbestände in der schottischen Whiskyindustrie sind seit den neunziger Jahren laufend gestiegen und haben mittlerweile ein ähnlich hohes Niveau erreicht wie damals vor der letzten Krise. Aber als Warnsignal sieht das kaum jemand in der Branche. Diageo und Pernod Ricard, die beiden Großkonzerne, die rund zwei Drittel des Scotch-Geschäfts kontrollieren, rechnen fest damit, dass die neuen Märkte in Asien und Südamerika weiteres Wachstum bringen werden.

Diageo hat gerade für 40 Millionen Pfund erstmals seit Jahrzehnten wieder eine komplett neue Brennerei in Schottland gebaut. Pernod Ricard erweiterte seine Produktion von Glenlivet um drei Viertel und will den Single Malt zur globalen Nummer eins aufbauen. Wer solche Investitionsentscheidungen trifft, vertraut darauf, dass der Wachstumstrend noch sehr lange anhält: Der jetzt angestoßene kräftige Produktionsschub von Glenlivet kommt erst nach zwölf Jahren Reifung auf den Markt. Aber wie viel Single-Malt -Whisky will die Welt im Jahr 2022 trinken?

Bruichladdich ist das Enfant terrible
Mark Reynier hat noch jede Menge Luft nach oben. Der Chef und Miteigentümer der Bruichladdich-Destillerie auf Islay könnte mit seinen Brennkesseln doppelt so viel Whisky produzieren wie heute, aber Bruichladdich ist noch im Wiederaufbau. Vor zehn Jahren hat der frühere Weinhändler zusammen mit anderen Investoren die traditionsreiche Brennerei gekauft und sie damit aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. In den anderthalb Jahrzehnten davor war hier nur sporadisch produziert worden. Reyniers Geschäftsmodell ist so einfach, dass er es in einem Satz erklären kann: „Wir betreiben unsere Destillerie genau so wie früher.“

Der Bruichladdich-Chef ist das Enfant terrible unter den Whiskybrennern auf Islay. Er zieht gerne über die Konkurrenz her, die nur noch seelenlose Massenware liefere. „Ein Kartell der Mittelmäßigkeit“ hätten die beiden mächtigen Marktführer Diageo und Pernod Ricard gebildet, wettert der Brite und verkündet: „Wir haben mit dieser Industrie nichts zu tun, die ist uns egal.“

Einerseits ist das Getöse clevere Öffentlichkeitsarbeit - der Whisky-Brenner inszeniert damit sein mittelständisches Unternehmen geschickt als Gegenmodell zu Laphroiag, Lagavulin und den anderen schottischen Filialen internationaler Großkonzerne.

Wie in einem Industriemuseum
Andererseits macht Bruichladdich tatsächlich vieles anders als andere Brennereien: Die verarbeitete Gerste stammt zur Hälfte von der Insel, jedes einzelne Fass reift auf Islay und wird auch dort abgefüllt. Während die Konkurrenz ihre Produktion stark automatisiert hat, setzt Reynier auf Handarbeit. Andere Destillerien sind fast menschenleer, bei Bruichladdich wimmelt es dagegen von Arbeitern. Mit 45 Beschäftigten ist Reynier heute nach eigenen Angaben der größte private Arbeitgeber auf Islay. Die Caol-Ila-Brennerei von Diageo auf der anderen Seite der Insel produziert zwar siebenmal so viel Alkohol, hat aber nur elf Mitarbeiter.

Ein Rundgang durch die Bruichladdich-Destillerie ist wie ein Besuch in einem Industriemuseum. „Im Prinzip arbeiten wir noch genau wie 1881, als das alles hier gebaut wurde“, sagt Brennmeister Jim McEwan und die Brille beschlägt im feuchtwarmen Dunst, der hier in Schwaden aus den offenen Maischbottichen aufsteigt. McEwan und Reynier haben aus der Not eine Tugend gemacht: Als sie sich vor zehn Jahren daran machten, die stillgelegte Brennerei wieder zum Leben zu erwecken, hätten sie gar nicht das Geld gehabt, um die Uralttechnik komplett auszutauschen.

„Die ersten fünf Jahre waren extrem hart“, erinnert sich McEwan. Geld kam zunächst nur durch den Verkauf von Lagerbeständen aus der früheren Bruichladdich-Produktion in die Kasse. Inzwischen arbeitet Reyniers Destillerie wieder profitabel. Es sieht nicht schlecht aus, die Durststrecke der Aufbauphase geht allmählich zu Ende. 2011 kann die Brennerei zum erstmals wieder einen zehnjährigen Whisky verkaufen, der bei Single Malts die gängigste Altersklasse ist. Hinter der Destillerie haben sie gerade eine neue Lagerhalle gebaut, weil in den alten Gebäuden der Platz ausgeht.

Leidet die Qualität durch Modernisierung?
Als Mark Reynier nach der Jahrtausendwende Bruichladdich aus der Versenkung holte, war Grant Carmichael schon fünf Jahre in Rente. Der frühere Spirituosenmanager, der in seiner aktiven Zeit die Verantwortung für Lagavulin, Caol Ila und die große Mälzerei in Port Ellen hatte, ist ein Whiskybrenner vom ganz alten Schlag. Carmichael, der 1960 in der Branche angefangen hat, ist ein wandelndes Geschichtsbuch dieser Industrie. Heute ist er über siebzig, und manchmal führt er noch Touristengruppen über die Insel und erklärt ihnen die Destillerien auf Islay. Der Branchenveteran spricht bedächtig, er will kein Schwarzseher sein, doch er sieht den Whisky-Boom auf Islay und anderswo in Schottland mit gemischten Gefühlen.

Carmichael macht sich Sorgen, dass der Geschmack der Single Malts unter der Expansion leidet. „Ich habe keine Zweifel, aber doch Vorbehalte, wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagt er. Noch weiß niemand so recht, ob die drastisch gestiegene Produktionsmenge und die aus Kostengründen eingeführte Automatisierung der Brennereien zu Lasten der Qualität gehen. Lagavulin-Whisky zum Beispiel reift sechzehn Jahre, bevor er auf den Markt kommt. Veränderungen im Produktionsprozess, die Mitte der neunziger Jahre vorgenommen wurden, können sich also erst nächstes Jahr auf den Geschmack des Single Malt im Laden und an der Theke auswirken. „Die Branche muss sich immer daran erinnern, dass Qualität vor Quantität kommt“, sagt Carmichael.

Text: F.A.Z.
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