Briefwechsel über Gutmenschen

Gestern im Blick am Abend habe ich mich über diese Kolumne von Helmut-Maria Glogger aufgeregt und mich spontan entschieden, ihm auch ein paar Zeilen zu schreiben. Dabei entstand ein spannender Briefwechsel, den ich euch nicht vorenthalten möchte.

Betreff: Ein paar Zeilen Wut
Von: Tom Fischer <tom.fischer@ardbeg-whisky.ch>
Datum: 3. Februar 2011 22:12:07 MEZ
An: glh@ringier.ch

Werter Helmut-Maria Glogger

Nein, nicht alle Ihre Kolumnen sind schlecht, aber, ja, ABER, es gibt einige, die regen mich dafür richtig auf! Die heutige gehört dazu!

Gutmenschentum kotzt Sie also an! Es sind diese Wörter, die gedankenlose (ich wollte eigentlich „dumme“ sagen, aber a) bleiben wir fair und b) ich bin ja ein Gutmensch) Journalisten wie Sie täglich in die Welt schreiben. Sie kennen ja bestimmt auch die als Unwörter preisgekrönten Kreationen wie „ethnische Säuberung“ usw. Klar, extrem unschön, aber für mich sind die wahren Schreckenswörter die gedankenlos täglich gebrauchten wie „Blutbad“, weil sie eine abstumpfende Wirkung auf die Menschen haben. Kürzlich habe ich das Wort „Blutbad“ selbst sogar auf der Titelseite der NZZ boulevardesk nach Aufmerksamkeit heischend platziert erblicken müssen. Stellen wir uns also einmal ein Blutbad vor. Hurra, pack die Badehose ein, nehmen wir alle ein Blutbad! Ich kann es kaum erwarten ein wenig im warmen Roten zu planschen. Springt alle rein!

Oder in jeder Zeitung mindestens fünfmal zu finden: Er/sie fand den Tod. Ja, wo isser denn? Habt ihr den Tod gesehen? Ah, da isser ja, endlich habe ich ihn… Na ja, Sie verstehen schon.

Und nun also Gutmenschen die Einige unter uns sogar ankotzen. Aber bitte, wenn Sie sich lieber mit Hitler, Stalin, Jack the Ripper oder Was-weiss-ich-Wem verbundener fühlen, dann ist das Ihre Sache und ich muss ja dann nicht Ihr Freund werden, Sie Sie Sie – Schlechtmensch!

Herzliche Grüsse
Tom Fischer

Von: Glogger, Helmut-Maria <helmut-maria.glogger@ringier.ch>
Betreff: Re: Ein paar Zeilen Wut
Datum: 3. Februar 2011 22:50:32 MEZ
An: Tom Fischer <tom.fischer@ardbeg-whisky.ch>

Oh, Wut.
Das Wort der Woche!
Genau!
Diese ungemein friedlichen Demonstrationen in Ägypten. Ein Land, das auf direktem Weg in die Demokratie ist. Ohne auch nur einen islamischen Bruder.
Dann die Kaffeesatz-Leser der Medien. Die nur ein Thema hatten: Israel und Palästina.
Ägypten? Tunesien? Jordanien?
Kein Mensch regt sich auf, wenn im Iran eine Frau öffentlich gehängt wird.
Warum nicht?
Da rege ich mich auf. Über diese Zerrbilder der Medien. In denen Plünderer, Kriminelle als „wehrhafte Demokraten“ verballhornt werden.
Ja.
Mich kotzt dieses verlogene Gutmenschentum an!
Dass keiner fragt: Warum liefert Afghanistan heute mehr Heroin als je zuvor in westliche Länder? Weil dort Krieg herrscht? Weil dort Amerika mit ihren Verbündeten irgendwelche Terror-Clowns in den Bergen hetzen?
Ich finde Schreckenswörter wie „Horrorunfall“, „Skandal“, „Superstar“ etc. wie Sie dumm-dämlich.
Nebenbei: Über Jack The Ripper scheinen Sie sich nicht wirklich
kenntnisreich auszukennen?
Der war – nicht allein – ein Einzeltäter.
Oder?
War es doch Eddy, der Sohn des künftigen Königs Edward VII.?
In diesem Sinne

Herzlichst
Ihr

Helmut-Maria Glogger

PS. Für Tippfehler entschuldige ich mich. Bin unterwegs.

Betreff: Ein paar Zeilen Wut
Von: Tom Fischer <tom.fischer@ardbeg-whisky.ch>
Datum: 4. Februar 2011 11:39:11 MEZ
An: Helmut-Maria Glogger <helmut-maria.glogger@ringier.ch>

Lieber Helmut-Maria Glogger

Auf Basis Ihrer engagierten Zeilen muss ich Ihnen leider eine schreckliche Diagnose stellen: Sie sind ein latenter Gutmensch!
Und damit wären wir bei meinem Punkt.
Mich stört ja nur, dass durch den inflationär negativen Gebrauch von Gutmensch „gut“ und „Mensch“ zu Schimpfwörter werden. Plötzlich ist man uncool, wenn man der Omi über die Strasse hilft und wir wollen alle Gangstas und Bad Boys werden weil ja ach so cool. Geil!
Dagegen wehre ich mich.
Kann man nicht altmodisch „Scheinheilige“ oder „Heuchler“ sagen?
Wir überlegen alle zu wenig, was wir mit der Macht der Sprache anrichten.
Ich wünsche mir mehr Gutmenschen im Wortsinne – wie Sie!

Herzlichst
Tom Fischer

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